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Angedacht

Wenn ich mitgezählt hätte beim Schreiben und Siegeln von Urkunden anläßlich der
Taufe, der Übernahme des Patenamtes, der Konfirmation, der Trauung, des
Gottesdienstes zur Eheschließung, der Goldenen oder Silbernen Konfirmation, der
Goldenen oder Silbernen Hochzeit: Auf wie viele Urkunden wäre ich wohl gekommen?
Ich weiß es nicht.
Es ist Freitagabend und wieder einmal fülle ich Zeile für Zeile einer Tauf- und zweier
Patenurkunden aus. Ich gebe mir Mühe, meine schnelle Schreibhand zu zügeln. Denn schließlich
soll man auch noch nach Jahren lesen können, was ich hier dokumentiere. Es ist das 2. Kind der
Familie, das am Sonntag getauft wird und ich weiß, alle freuen sich auf diesen besonderen Tag.
Die Urkunde wird am Tag darauf sicher in das „Buch der Familie“ eingelegt; sie soll ja nicht
abhanden kommen. Wie oft hatte ich schon Urkunden in der Hand, die mir ganz stolz vorgelegt
wurden. Alte und sehr alte. Manche noch in Sütterlin geschrieben, da muß ich ganz genau
hinschauen. Manches kann ich beim besten Willen nicht entziffern. „Sehen Sie, meine Eltern
haben kirchlich geheiratet und ich bin natürlich auch getauft worden.“ Oder: „Schauen Sie mal,
die habe ich bekommen, damals in Königsberg.“
Ich sehe eine Tauf-Urkunde mit dem Druck eines alten Gemäldes: Jesus als Hirte, natürlich mit
Heiligenschein, um ihn herum eine Schar Schafe. „Der Herr ist mein Hirte“ steht darunter. Aus
dem 23. Psalm, den kennt fast jeder, denke ich. Sogar unsere heutigen Konfirmanden! Diese
Urkunden sind über die Jahre nicht abhanden gekommen, haben den Krieg und die Flucht fast
unbeschadet überstanden. Die vielen Jahre seitdem. Immer sicher verwahrt.
Die Taufe selbst kann zum Glück auch nicht „abhanden“ kommen, selbst wenn man seine
Urkunde dann doch verlegt oder der Kirche irgendwann den Rücken kehrt. Das denke ich, als ich
in der heutigen Post des Kirchlichen Meldeamtes zwei Austrittserklärungen finde. Ich lese die
Namen und bin doch traurig: Die ältere Frau ist bekannt in unserem Ort, sie hat hier einen
Namen. Und den jungen Mann habe ich vor 9 Jahren getraut, glücklich schien er damals
gewesen zu sein. Mit sich, Gott und der Welt und natürlich seiner strahlenden Braut im Reinen.
Was passiert auf dem Lebensweg, wenn man irgendwann entscheidet, nicht mehr dazu gehören zu
wollen? Manche Kollegen schreiben an die Ausgetretenen einen Brief. Ich habe auch mal den
Versuch gemacht, einen solchen zu entwerfen. Ich kam nicht weit. Was soll ich auch schreiben,
wenn jemand sich bereits entschieden hat?
Wenn ich beim Versandhaus bestelle, liegt der Lieferung immer ein Retourenschein bei. Ich kann die Ware zurückschicken und
kreuze an: „passt nicht“, „gefällt nicht“, „Material sagt nicht zu“, „Artikel anders als abgebildet“. So ähnlich muß es bei den
Beiden vielleicht auch gewesen sein: Kirche gefällt nicht, passt nicht, sagt nicht zu und ist wohl anders als abgebildet?? Nur
werde ich den wahren Grund oftmals nicht erfahren, leider geben wir unseren Täuflingen (und damit in die Kirche
Eingetretenen) keinen Retourenschein für den Fall der Fälle mit. Brauchen wir auch nicht. Und das tröstet mich dann doch:
die Verbindung zu Gott über die Taufe überdauert all das, was nicht passt und gefällt. Aus der Kirche kann ich austreten, die Taufe
bleibt mir. Wie ein Netz unter mir ausgespannt. Ob die beiden das wissen? Ich wünsche es ihnen….
Es grüßt Sie – auch im Namen des Kirchgemeinderates – Ihre Pastorin

Anke Kieseler